Beispiel für einen Auszug aus einer Biografie

Musterbeispiel zur Erschließung

 

1. Äußere Informationen nutzen

Franz v. Papen beschreibt in seiner Biografie über seine persönlichen Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere darüber, wie er dessen Ende erlebt hat. Der Zeitzeuge geht chronologisch vor. Im vorliegenden Textausschnitt berichtet er, dass er erst nach dem Zweiten Weltkrieg von den Zuständen in den Konzentrationslagern erfahren haben will.

2. Inhalte erfassen

Sein Text lässt sich in drei Abschnitte einteilen. Im ersten Abschnitt (Z. 1-9) berichtet v. Papen darüber, dass Lager in der Vorkriegszeit entstanden seien und teilweise auch durch internationale Polizeitruppen kontrolliert gewesen seien. Daraufhin (Z. 10-14) berichtet er, dass im Krieg die Zahl der Lager erheblich ausgeweitet worden sei, deren Nutzung jedoch kaum ersichtlich gewesen sei. Schließlich (Z. 15-27) beschreibt er, dass die haltlosen Zustände in den Lagern für Außenstehende kaum ersichtlich gewesen seien, zumal eine besondere Geheimhaltung der Lagerleitung gegolten habe. V. Papen unterstreicht jedoch nachdrücklich, dass die von den Alliierten berichteten Zustände in den Lagern übertrieben gewesen seien. (Z. 15ff).

3. Das Material einordnen

Der Zeitzeuge nimmt mit seinem Bericht zu einer Frage Stellung, die in der Nachkriegszeit von 1945 bis weit in die 1960er-Jahre die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit prägte. Die damals gängige Sichtweise vieler Menschen war, dass man von den Gräueltaten während der nationalsozialistischen Herrschaft nichts mitbekommen habe. Der Zeitzeuge schließt sich nicht nur dieser Sicht an, sondern versucht auch, mit Hilfe verschiedener Argumente zu begründen, warum man keine Kenntnis von den Zuständen in den Lagern gehabt haben könne.

Papen betont besonders, dass die Lagerleitung absolute Geheimhaltung angeordnet habe, obwohl man heute weiß, dass die Konzentrationslager durchaus in der umliegenden Bevölkerung gut bekannt waren und man auch über die Zustände in den Lagern informiert war. Die Konzentrationslager wurden als Wirtschaftsfaktor in der Region wahrgenommen, Handwerker und Lieferanten hatten oft Zutritt in die dortigen Sperrbezirke und Lagerinsassen wurden regelmäßig als Arbeitskräfte an Betriebe und Bauern der Umgebung vermietet.

4. Das Material deuten

Die vom Zeitzeugen geäußerten Argumente und Ansichten sind also nicht plausibel, zumal er an einer vorherigen Stelle seiner Biografie (S. 593) berichtet hatte, er habe die Verschleppung von Juden in ein polnisches Lager zu verhindern versucht.

Die Situation in den Lagern und die Kenntnisse der Bevölkerung von den dortigen Zuständen während der nationalsozialistischen Herrschaft kann durch die Zeitzeugenaussage nicht eindeutiger erschlossen werden. Allerdings gibt er einen guten Einblick in den Gemütszustand der belasteten Bevölkerung, die nach Kriegsende ihre Mitverantwortung aus juristischen oder moralischen Gründen zu leugnen versuchte.